Mit Kindern trauern
Eine feste Altersgrenze gibt es nicht. Entscheidend sind eine gute Vorbereitung, eine vertraute Begleitperson und die Freiheit, jederzeit hinauszugehen.
Wenn jemand aus der Familie gestorben ist, fragen sich viele Eltern, ob ihr Kind an die Beerdigung mitkommen soll. Die Sorge ist verständlich: Man möchte das Kind schützen und weiss nicht, wie es auf den Sarg, die Urne oder die weinenden Erwachsenen reagiert. Fachleute aus der Schweiz sind sich in einem Punkt weitgehend einig: Ein vorbereitetes Kind, das dabei sein möchte, sollte dabei sein dürfen.
Dieser Ratgeber fasst zusammen, was Entwicklungspsychologie und Trauerbegleitung empfehlen. Er zeigt, was Kinder in welchem Alter vom Tod verstehen, wie Sie Ihr Kind auf die Abdankung vorbereiten und wie es den Abschied aktiv mitgestalten kann. Am Schluss finden Sie Fachstellen, die Familien weiterhelfen.
Eine Vorschrift oder eine empfohlene Altersgrenze gibt es nicht. Der Beobachter fasst die Haltung der Fachleute so zusammen: Möchte ein Kind teilnehmen und ist eine Vertrauensperson dabei, spricht nichts dagegen. Umgekehrt soll kein Kind zur Beerdigung gedrängt werden.
Der Zürcher Entwicklungspsychologe Moritz Daum beantwortet die Frage, ob Eltern ihre Kinder mitnehmen sollen, mit einem klaren Ja. Er verweist auf eine Studie aus dem Jahr 2001: Kinder, die einen Elternteil verloren und an dessen Beerdigung teilgenommen hatten, kamen langfristig besser zurecht als Kinder, die nicht dabei waren. Abschiedsrituale helfen nach seiner Einschätzung auch dann, wenn ein Kind den Tod noch nicht ganz versteht.
Wichtig ist die Vorbereitung. Ein Kind, das unvorbereitet in eine Abdankung kommt, sieht plötzlich viele dunkel gekleidete, weinende Menschen. Das kann verstören. Jüngere Kinder denken im schlimmsten Fall sogar, sie seien schuld daran, dass alle traurig sind.
Auch die Form der Feier spielt mit. Eine Urnenbeisetzung im engsten Kreis ist für viele Kinder überschaubarer als eine grosse Abdankung mit vielen Gästen. Manche Familien nehmen Kinder nur zu einem Teil mit, etwa an die Beisetzung am Grab oder an das Leidmahl danach. Auch das ist ein Abschied.
Wie Sie mit Ihrem Kind sprechen, hängt von seinem Alter ab. Die Angaben unten sind grobe Richtwerte aus der Entwicklungspsychologie; jedes Kind ist anders.
Für alle Altersstufen gilt: Verwenden Sie klare Wörter wie «tot» und «gestorben». Umschreibungen wie «Opa ist eingeschlafen» oder «Oma ist jetzt auf einer Wolke» sind gut gemeint, führen Kinder aber in die Irre. Manche Kinder entwickeln danach Angst vor dem Einschlafen.
Es ist auch normal, wenn ein Kind auf die Nachricht kaum reagiert und kurz darauf weiterspielen will. Das ist keine Gefühllosigkeit, sondern entspricht seinem Alter.
Erklären Sie Ihrem Kind einige Tage vorher in Ruhe, was geschehen wird. Beschreiben Sie den Ort, die Musik, den Sarg oder die Urne und dass viele Menschen traurig sein und weinen werden. Sagen Sie ihm auch, dass es selbst traurig sein und weinen darf und dass es jederzeit zu Ihnen kommen kann.
Hilfreich sind konkrete Antworten auf Fragen, die Kinder oft stellen:
Sagt ein Kind Nein, respektieren Sie das. Moritz Daum rät aber, nachzufragen, woher das Nein kommt. Oft steckt Unsicherheit dahinter, weil das Kind nicht weiss, was es erwartet. Ein Kompromiss kann helfen, etwa die Abmachung, dass es jederzeit mit einer erwachsenen Person kurz hinausgehen darf. Ermutigen ist gut, überreden oder zwingen nicht.
Ob ein Kind die verstorbene Person vor der Feier noch einmal sehen möchte, darf es ebenfalls selbst entscheiden. Bereiten Sie es darauf vor, dass der Körper still, kühl und etwas verändert aussieht, und gehen Sie nicht allein mit ihm hin, sondern zusammen mit einer zweiten vertrauten Person. Wie eine solche Abschiednahme abläuft, steht unter Zur Aufbahrung gehen; die Möglichkeiten in der Schweiz unter Aufbahrung und Abschiednahme.
Eltern, die selbst um die eigene Mutter oder den eigenen Vater trauern, können nicht immer der ruhige Anker sein, den ein Kind braucht. Fachleute empfehlen deshalb eine vertraute Begleitperson, die sich am Tag der Abdankung nur um das Kind kümmert. Das kann eine Gotte oder ein Götti sein, eine Tante oder die Mutter eines Freundes. Wichtig ist, dass das Kind diese Person mag und vorher weiss, wer bei ihm ist.
Wählen Sie Plätze am Rand oder nahe beim Ausgang. So kann die Begleitperson mit dem Kind kurz hinausgehen, ohne dass es auffällt. Kleine Kinder verhalten sich ihrem Alter entsprechend: Sie fragen laut, rutschen herum oder werden quengelig. Das stört eine Abdankung nicht, es gehört dazu.
Zur Kleidung gibt es für Kinder keine Regel. Dunkle oder gedeckte Farben sind üblich, aber nicht nötig; bequem und wettergerecht ist wichtiger. Mehr dazu unter Kleidung an der Abdankung.
Viele Kinder möchten nicht nur zuschauen, sondern etwas tun. Eine kleine Aufgabe gibt ihnen Halt und einen eigenen Platz im Abschied. Trauerbegleiterinnen und Trauerbegleiter nennen unter anderem diese Möglichkeiten:
Besprechen Sie solche Wünsche vorher mit der Pfarrperson, der Rednerin oder dem Bestatter, damit der richtige Moment eingeplant ist. Bei einer religiösen Feier, etwa in einer jüdischen oder muslimischen Gemeinde, fragen Sie den Rabbiner oder den Imam, wie Kinder dort üblicherweise teilnehmen.
Kinder trauern anders als Erwachsene. Viele sind einen Moment traurig und spielen kurz darauf wieder, und manche Fragen kommen erst Wochen später. Nehmen Sie diese Fragen ernst, und zeigen Sie ruhig auch Ihre eigene Trauer. Ein Satz wie «Ich bin traurig, und das hat nichts mit dir zu tun» hilft Kindern, die Stimmung der Erwachsenen einzuordnen.
Rituale helfen auch später: ein gemeinsamer Besuch am Grab, eine Kerze am Geburtstag der verstorbenen Person oder eine Erinnerungskiste mit Fotos und kleinen Gegenständen, die das Kind selbst füllen darf.
Wenn Sie unsicher sind oder Ihr Kind lange stark belastet wirkt, finden Sie in der Schweiz kostenlose Unterstützung:
Für Eltern, die ein Kind während der Schwangerschaft, bei der Geburt oder in der ersten Lebenszeit verloren haben, ist die Fachstelle kindsverlust.ch in Bern die Anlaufstelle in der Deutschschweiz. Sie berät Eltern telefonisch unter 031 333 33 60 oder per E-Mail und vermittelt Fachpersonen in der Region. Wir gestalten auch diesen Abschied mit Ihnen, in Ihrem Tempo.
Sagen Sie uns im ersten Gespräch, wenn Kinder an der Feier teilnehmen. Dann planen wir Plätze am Rand ein, klären mit der Pfarrperson oder Rednerin den Moment für Zeichnung, Kerze oder Blume und fragen nach einem ruhigen Raum in der Nähe. Was wir bei einer Abdankung übernehmen, steht unter Trauerfeier und Abdankung.
Fragen & Antworten
Eine feste Altersgrenze gibt es nicht. Fachleute raten, das Kind vorzubereiten und selbst entscheiden zu lassen. Möchte es dabei sein und begleitet es eine vertraute Person, spricht nichts dagegen.
Nach Einschätzung von Entwicklungspsychologen nicht, wenn das Kind vorbereitet ist und jederzeit hinausgehen darf. Eine Studie zeigte, dass Kinder, die an der Beerdigung eines Elternteils teilnahmen, langfristig besser zurechtkamen.
Beschreiben Sie einfach und konkret, was es sehen und hören wird: den Sarg oder die Urne, Musik, Reden und weinende Menschen. Sagen Sie ihm, dass es auch traurig sein darf und jederzeit zu Ihnen kommen oder hinausgehen kann.
Das darf das Kind selbst entscheiden. Bereiten Sie es vor, wie die Person aussieht, und gehen Sie zusammen mit einer zweiten vertrauten erwachsenen Person hin.
Respektieren Sie das Nein, aber fragen Sie nach dem Grund. Oft hilft eine Abmachung, etwa dass das Kind jederzeit hinausgehen darf. Wer nicht mitkommt, kann trotzdem eine Zeichnung oder einen Brief mitgeben.
Die Pro Juventute Elternberatung ist unter 058 261 61 61 rund um die Uhr erreichbar, Kinder und Jugendliche selbst wählen die 147. Der Verein familientrauerbegleitung.ch bietet kostenlose Trauergruppen für Kinder und Jugendliche an.